Home Office in der Corona-Krise – und danach?

Seit fast einem Jahr arbeite ich remote im Home Office als Head of Marketing bei der WordPress Agentur Inpsyde. Der Wechsel in ein Unternehmen, welches zu 100% remote arbeitet war für mich ein bewusst gewählter Schritt – und für viele damals nicht vorstellbar. In diesem Beitrag will ich meine Erfahrungen teilen und einen Blick darauf werfen, wie der Coronavirus das Home Office für fast alle möglich machte.

Ist Remote Work ein Karrierekiller?

Als ich vor über einem Jahr beruflich zu einer WordPress-Agentur wechselte, die komplett remote arbeitet, war das für viele nicht nachvollziehbar. Damals (also bis vor 3 Wochen) galt Home Office als Karrierekiller. Aber für mich war es die Erfüllung eines lang gehegten Lebenstraumes: orts- und zeitunabhängiges Arbeiten, Selbstbestimmung, Fokus auf Ergebnisse und keine Desktime.

Und weil das ganze Unternehmen remote arbeitet, sah ich auch als Führungskraft keine Einschränkungen für meine Karriere. Es zeigte sich, dass ich recht behalten sollte. Inpsyde arbeitet seit 2006 vollständig remote und ist als distributed organization ein ganz normales Unternehmen. Nur, dass es eben nicht ein zentrales Büro gibt, sondern 50.

tl;dr: Ich arbeite in einem 100% remote organisierten Unternehmen und stelle deshalb keinen Unterschied zu einem “normalen” Unternehmen fest. Alle Arbeits- und Organisationsprozesse sind komplett digitalisiert und auch zwischenmenschlich funktionieren unsere Teams hervorragend.

Ich weiß, dass ich mich damit in einer privilegierten digitalen Arbeitswelt befinde. Und interessanterweise habe ich fast nur noch mit Unternehmen zu tun, die auch remote arbeiten – meist sind das international aufgestellte Unternehmen. Viele dieser Unternehmen stellt Matt Mullenweg in seinem Distributed Podcast vor. Matt weiß übrigens wovon er spricht, als CEO von Automattic führt eine remote Company mit über 1.170 Mitarbeitern.

Aber in Deutschland sind sie leider die Ausnahme und für viele Unternehmen und die überwiegende Mehrheit meiner persönlichen Bekannten ist es bis vor kurzem unvorstellbar gewesen, (fast) vollständig im Home Office zu arbeiten.

Jedenfalls bis Covid-19 zur weltweiten Pandemie wurde und viele Bereiche unserer Gesellschaft auf den Kopf gestellt hat und der Digitalisierung einen enormen Vorschub verliehen hat. Etwas, wie Sascha Pallenberg auf LinkedIn humorvoll darstellt, Unternehmensleitern zu wenig gelingen wollte.

Sascha Pallenberg via LinkedIn

Corona macht Home Office flächendeckend möglich

Da ich in mich auf meinen sozialen Netzwerken in einer Filterblase voller Digitalarbeiter befinde, sind fast alle meine beruflichen Kontakte zur Zeit im Home Office. Das ist natürlich eine gute Sache, die unserer Gesellschaft und jedem Individuell in diesen Zeiten enorm hilft!

Home Office “Monatelang überlegt, und dann geht’s in einer Woche!”

Und es rauscht im Blätterwald nur so von Erfolgsmeldungen, Tipps und Tricks und ja, auch dieser Beitrag reiht sich da irgendwo ein.

Plötzlich sind alle Unternehmen Pioniere

Und auch wenn ich toll finde, wie viele Unternehmen sich bewegen, um Home Office möglich zu machen und ich die Gesamtentwicklung gut finde, ist ein Teil von mir auch skeptisch darüber, aus welchem Interesse hier Home Office freigegeben wird und ob uns das in eine modernere Arbeitswelt führt – oder nur aus betriebswirtschaftlichen Interessen gestattet wurde.

Achtet darauf, wie Unternehmen sich in Krisenzeiten verhalten. Das offenbart die Wahrheit hinter Marken und CSR-Programmen.

Was mich skeptisch macht ist, dass es in der Vergangenheit für viele Mitarbeiter so schwierig war, auch nur einen oder zwei Home Office Tage in der Woche zu bekommen, um zum Beispiel Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen.

Für viele Frauen, und auch Männer, ist es immer noch nicht möglich Karriere und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. “Führungskräfte machen kein Home Office” ist in Deutschland auch 2020 keine Aussage, die meiner wilden Fantasie entspringt.

Die Gründe, warum Home Office und Remote Work für viele Unternehmen unvorstellbar waren sind häufig dieselben:

  • Es fehlte an Vertrauen in die Mitarbeiter
  • Es fehlte am Willen, eine moderne Arbeitskultur zu schaffen
  • Es war nicht gewollt, dass Mitarbeiter von zuhause Arbeiten
  • Es herrschte Furcht vor Kontrollverlust.

Noch vor einem Jahr wurde in der Presse über ein Gesetz für Home Office diskutiert und ob man es schafft, das Recht auf 1-Tag pro Woche zu verankern.

Deshalb bin ich (leider) skeptisch, wenn sich Arbeitgeber und Unternehmen, bei denen Home Office in der Vergangenheit eine Ausnahme darstellte, zur Zeit als Vorreiter einer digitalisierten Arbeitswelt darstellen.

Home Office auch nach der Corona-Krise weiterführen

My God . . . those meetings really could all have been emails.
“My God . . . those meetings really could all have been e-mails.”
Quelle: Emily Flake via The New Yorker

Wie geht es mit Home Office in Deutschland weiter? Werden wir bald in einer vollständig digitalisierten Arbeitswelt leben, in der niemand mehr an einen Schreibtisch gebunden ist?

Ich weiß es nicht. Zur Zeit lernen wir als Gesellschaft alle dazu und ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass viele Angestellte gar kein Home Office wollen und lieber im Büro wären. Das finde ich okay, nicht jeder ist dafür gemacht. Vielleicht sogar eher die wenigsten. Und auch nicht jedes Unternehmen und Geschäftsmodell ist dafür geeignet.

Aber dort wo es möglich und sinnvoll ist, würde ich mich freuen, wenn Unternehmen lernen würden ihren Mitarbeitern genug zu vertrauen, um sie auch nach Corona im Home Office arbeiten zu lassen. Sei es um die Kinderbetreuung und Karriere unter einen Hut zu bringen, oder einfach weil sie flexibler arbeiten wollen.

Veröffentlicht von Marcus Burk

Ich bin Marcus Burk und schreibe in diesem Blog über digitales, Marketing und Kommunikation.

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